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Kein Wort sie wollen lassen stahn

Geschrieben von Administrator am 31. Oktober 2006 000000m 11:21 in der Kategorie Gegenstimmen

Schluss mit Antisemitismus und Frauenfeindlichkeit der Propheten und Apostel – jetzt wird die Bibel gesäubert! Die Eiferer der Political Correctness wollen eine Übersetzung in »gerechter Sprache« vorlegen

Martin Luther, der große Bibelübersetzer, hat mit seinem Lied von der festen Burg, jener protestantischen Marseillaise, dafür gesorgt, dass seine Anhänger noch heute am Reformationstag singen: »Das Wort sie sollen lassen stahn!« An diesem Reformationstag 2006 kann es den Protestanten allerdings passieren, dass sie Texte aus einer Bibelübersetzung vernehmen, die das Wort keineswegs stehen gelassen hat. Diese neue Übersetzung wurde – ganz ohne amtskirchliche Indossierung – von TheologInnen aus dem Umkreis der feministischen Theologie und des christlich-jüdischen Dialogs erarbeitet. Sie soll Ende Oktober vollständig vorgelegt werden. In ihr liest man dann nicht mehr bei Lukas 8, 22, »dass er in ein Boot stieg mit seinen Jüngern«, sondern: »stieg er mit seinen Jüngern und Jüngerinnen in ein Schiff« – als ob sich der eindeutig männlich konnotierte Jünger (von Junge) ebenso »verweiblichen« ließe wie der Schuft zur Schuftin. Und in der Bergpredigt heißt es nach der Erinnerung an das Tötungsverbot nicht mehr verschärfend: »Ich aber sage euch: Wer mit seinem Bruder zürnt, der ist des Gerichts schuldig«, sondern nur noch: »Ich lege euch das heute so aus…« – als habe Jesus von Nazareth die jüdische Schriftweisheit nicht überbieten, sondern nur sagen wollen: »Man kann das auch so sehen…«

So jedenfalls soll man es lesen, wenn man die neue Bibel in gerechter Sprache zur Hand nimmt, und man wird sehen, wie die Protestanten dabei mit ihrem Urprinzip sola scriptura umgehen: Allein die Schrift! – Ausgangspunkt der Neuübersetzung ist freilich ein Gedanke, dem man sich schlechterdings nicht entziehen kann. Das Christentum hat über Jahrhunderte Frauen und Juden schlecht behandelt. Diese Zurücksetzung hatte Wurzeln im Denken gehabt und hat Spuren in der Sprache hinterlassen. Das neue Übersetzungsvorhaben – es wird in dieser Woche ausdrücklich als Versuch präsentiert, der ständig der Revision bedürfe, sozusagen als eine biblia semper reformanda – geht zurück auf amerikanische Vorbilder der inclusive language im Geiste politisch-theologischer correctness. Aber schon die Übertragung des Ausdrucks »inklusive« (also nicht ausgrenzende) in »gerechte« Sprache führt zu Verlegenheiten. In der Einleitung heißt es: »Der Name ›Bibel in gerechter Sprache‹ erhebt nicht den Anspruch, dass diese Übersetzung ›gerecht‹ ist, andere aber ungerecht sind.« Aber wozu dann die Bezeichnung, die gerade so gelesen werden kann – und wohl auch soll?

Wie auch immer: Es steht außer Zweifel, dass sich das hergebrachte Christentum gegenüber den verfolgten Juden und den zurückgesetzten Frauen bußfertig zeigen muss. Ebenso deutlich aber ist zu bestreiten, dass man diesem Sinneswandel mit einer retrospektiven Umschreibung der biblischen Schriften »gerecht« werden kann – etwa indem man die Texte so redigiert, dass dort, wo Frauen auch nur mitgemeint sein könnten, die inklusive Form wählt.

Wenn nämlich bei Matthäus 23, 2 mit einem Mal steht: »Auf dem Stuhl des Moses sitzen Toragelehrte und pharisäische Männer und Frauen«, dann konstruiert man offenkundig einen Anachronismus. Ähnliches geschieht, wenn man den in der Tora unaussprechlichen Gottesnamen in vielen Varianten, darunter einer weiblichen, changieren lässt, dasselbe Vielerlei aber auch dem im Neuen Testament eindeutigen Wort kyrios (Herr) geschlechterkorrekt unterschieben will. Und wenn man dem späteren kultischen, ethnischen und rassistischen Antisemitismus ein verspätetes Anathema nachrufen möchte, darf man doch nicht gleich die jesuanischen, endzeitlich radikalisierten Antithesen der Bergpredigt zu leichten Meinungsvarianten herunterstimmen.

Die eigentliche Gefahr dieser neuen Übersetzung – und wie oft sie ihr erliegt, wird man erst sehen können, wenn der volle Text zu lesen ist – besteht in einer Kategorienverwechslung. Die Aufgabe der Übersetzung ist nämlich streng zu unterscheiden von der Übertragung, der Text von seiner Auslegung, die Schrift von ihrer Predigt, die feststellende Philologie also von der deutenden Hermeneutik. Was man heute für die richtige Deutung hält, darf man nicht rückwärts in die Übersetzung der zu deutenden alten Texte tragen. Vielmehr muss der Deuter seine Deutung im Kontext wie im Kontrast zum Urtext stets für den (Bibel-)Leser und (Predigt-)Hörer offen legen und verantworten.

Wer seine Auslegung (also seine zeitbedingte, vielleicht auch irrige Meinung) im Urtext (und in dessen Übersetzung) versteckt, entzieht beides der Kritik – seine Predigt ebenso wie den Bibeltext. Geradezu vorbildlich hatte Walter Jens, ein Mann wahrlich von deutlichen politischen und progressiven Meinungen, diese Kategoriendifferenz in seinen Übertragungen neutestamentlicher Schriften beachtet.

Wohl wahr, auf solche Differenzen stößt man mit Vorliebe, wenn sich Paradigmenwechsel anbahnen, während ähnliche »Übersetzungsfehler« in gewohnten Texten nicht (mehr) wahrgenommen werden. Luther zum Beispiel übersetzte eine Passage aus dem 1. Timotheusbrief wie folgt: »dass allen Menschen geholfen werde«. Im Urtext freilich steht »gerettet«. Die Rettung aller im Endgericht, die apokatastasis panton, darf aber streng lutherisch nicht gelehrt werden, wie es im Kapitel 17 des Augsburger Bekenntnisses immer noch steht – also musste in Luthers Übersetzung auch der Urtext daran glauben. Und so könnte die neue Übersetzung ihren Dienst jedenfalls dann tun, wenn sie ihren Kritikern mindestens den Splitter im eigenen Auge aufweist. Die vielen neuen Balken wird man dann immer noch sehen und womöglich – das Angebot der Initiatoren steht ja – revidieren, mindestens zu Splittern wieder verkleinern können.

© [2] DIE ZEIT - 06.04.2006 Nr.15 - Robert Leicht




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